Südwestpresse, 25.04.2019 von Burkhard Schäfer

Aufregender Franzose

Den Namen Théodore Dubois (1837- 1924) kennt man hierzulande kaum. Auch in seiner Heimat Frankreich verortet man den Komponisten eher in der zweiten Reihe – zu Unrecht! Dass der Franzose weitaus mehr war als ein komponierender Organist und Schöpfer sakraler Gebrauchsmusik, zeigt die beim Label cpo (Vertrieb: jpc) erschienene CD. Zu hören sind: das Violinkonzert (1896), die Violinsonate (1900) sowie die Ballade für Violine und Klavier (1909). Der Geiger Ingolf Turban legt sich mächtig ins Zeug und bricht einen Wald voller Lanzen für „seinen“ Dubois, dessen Musik damit neu erfahrbar wird. Unterstützung bekommt Turban von der Deutschen Radio-Philharmonie und dem Dirigenten Raoul Grüneis.

Herr Turban, wann und wie sind Sie auf Dubois aufmerksam geworden?

Schon vor Jahren kam ein Kollege auf mich zu und meinte, ich wäre doch „der“ Typ für Dubois. Einige Zeit später stellte sich heraus, dass ein direkter Nachfahre Dubois‘ an meinem alten Gymnasium Französischlehrer war. Ich wurde also von Signalen geradezu eingekreist. So etwas nehme ich oft symbolisch – und es hat sich gelohnt: Diese Musik ist unfassbar schön, und leider ebenso unfassbar unbekannt. Dubois steht freilich im Schatten der ganz Großen, doch was sich in diesem Schatten verbirgt, ist sehr geheimnisvoll.

Was ist dann das Geheimnis des Violinkonzerts?

Das Werk schaut sich quasi nach mehreren Seiten um. Unüberhörbar ist die Nähe zu Max Bruch, da gibt es einen, wie ich es nennen möchte, ungenierten Umgang mit dem Pathos. Dieses gelegentlich gewaltige Auftreten macht einen großen Teil der gewollten Dramatik aus. Auf der anderen Seite ist es voller typisch französischer Eleganz und Leichtigkeit. Diese Seite zieht eine geradezu überbordende Virtuosität nach sich, nicht zuletzt in der Kadenz. Jedenfalls ist Dubois in seinem Violinkonzert ein wunderbarer Geschichtenerzähler.

Entführen uns Dubois‘ Violinsonate und die Ballade in eine andere Welt?
Die Sonate hat eine dem Konzert durchaus verwandte Ästhetik. Auch hier spüren wir diesen Spagat zwischen beinahe plakativer Dramatik einerseits und spielerisch-virtuoser Eleganz andererseits. Die Ballade ist ein ganz spezieller Fall: Sie beginnt in geradezu wagnerischem Tonfall und endet völlig ausgelassen mit Elementen, die gelegentlich sogar an eine Art Gipsy-Jazz erinnern. Intime einleitende Verse deuten auf privateste Bezüge hin, die das ad hoc kaum zu begreifende Stück vielleicht in Tönen umschreibt. Äußerst aufregend!
Burkhard Schäfer